Harald Falkenhagen

 

Im Widerspiel zwischen den maßgeblichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, von Konzept und Spontaneität, Intention und Zufall, »good art« und »bad drawing«, Abstraktion und Narration geben Falkenhagens Werke den Blick frei auf die extreme Position der Ironie innerhalb des Spektrums der innovativen, lebendigen Möglichkeiten der zeitgenössischen Zeichnung.

Bei Harald Falkenhagen ist das Blatt Papier der Schauplatz, auf dem sich der Zeichner im Selbstgespräch und in der ironischen Reflexion der Kunst inszeniert. Lapidar und aufs Einfachste reduziert sind die zeichnerischen Entäußerungen, deren kurze Entstehungszeit – gleichsam im Hohn auf anderorts praktizierte aufwändige Kunstinszenierungen – er am Anfang der jeweils entstehenden Zeichnungsfolge notiert. Nachlässigkeit ist ein Kennzeichen der Produktion. Es sind minimale Notate zur Kunst, kurze Kommentare, die den Kunstanspruch entmythologisieren und die Kunst provokativ, aber poetisch und leichthändig in die Alltäglichkeit zurückbinden. Ausgeführt sind sie mit selbstkonstruiertem Stift und Tusche, das Papier immer im Format DIN A4. Die Werke entstehen fast immer als Reihe, die einen Denkweg abbildet. Unmittelbarkeit geben die Zeichnungen nur scheinbar vor, im Gegenteil entstehen sie aus deren Vermeidung. Durchstreichungen, Kleckse, Schreibfehler und gezielte Zufälligkeiten sind Teil der künstlerischen Strategie des »bad drawing«, die in gezielter Weise die »schöne« Zeichnung verhindert.

Falkenhagen liefert eine unverwechselbare Sonderform der Zeichnung, die als das einfachste und vollkommenste künstlerische Medium im Sinne der Antike und in der Renaissance gilt. Es ist eine Zeichnung, die wohl, wie es die traditionelle Zeichentheorie fordert, der intelligiblen Wahrheit (oder der Idee) nahe und die geistigste der Künste ist, aber gerade nicht die Zeichnung, deren Idealbild Gaius Plinius d. Ä. (23–79 n. Chr.) beschrieben hatte, als er die Geschichte von Apelles berichtete, der das perfekte Kunstwerk lieferte, indem er eine makellos feine Linie zog. Nicht die brave Abbildung oder Nachbildung ist Zweck der Zeichnung Falkenhagens, sondern die übermütige Reflexion im Blick auf die Kunstgeschichte.

Falkenhagens zeichnerisches Werk wendet sich explizit gegen die Imagination der genialischen kreativen Schöpfung. Seine Kunstkommentare stehen dafür, was Zeichnung heute sein kann: ein offenes, experimentelles, freies Medium.

 

Barbara Alms