Harald Falkenhagen: Inszenierungen

 
"I know all about you"
Interviewpartnerin beim BBC über den Reporter, aus einem Musikstück von H. F.
 
Seit gut vier Jahren erzeugt Harald Falkenhagen Bilder, die eine assoziative Nähe zum Theater haben. Man hat deshalb auch gelegentlich seine Bilder mit Einaktern verglichen. Der Ort des Geschehens ist eine Mischung aus Photoatelier, Varieté, Zirkus und Kleinkunstbühne. In allen Stücken agiert dieselbe Person. Fast immer ist der Hintergrund durch eine teilweise geflickte, zerknitterte vorhangartige Leinwand versperrt. Sie gibt gewissermaßen die Leinwand für den Film ab, der sich vor ihr abspielt. Gleichzeitig stellt sie auch die malerische Projektionsfläche für Falkenhagens reich entfaltete HellDunke Malerei dar. Ein zentraler Lichtkegel taucht die Figur mit ihrem weißen Hemd in helles Weiß, läßt das Gesicht, die nackte Haut und das Weiß in den Augen hell aufscheinen und wirft andererseits tiefschwarze Schatten von Körper und Gegenständen. Das Umfeld ist meist von einem differenzierten, weichen Grauton modelliert. Sieht man einmal von dieser sorgfältig durchkomponierten Hell-DunkelMalerei ab, so könnte man versucht sein, die Arbeiten von Harald Falkenhagen als optimal gelungene Schnappschüsse eines Theaterphotographen zu bezeichnen, auf denen der glückliche Moment getroffen ist, wo die Handlung zu einem Bild geronnen ist, das Vorher und Nachher der Handlung vereint. Bevor wir dieser Überlegung nachgehen und sie auf ihre Plausibilität überprüfen wollen und dabei vor allem die zentrale Frage nach dem Inhalt der Handlung stellen wollen, werfen wir einen Seitenblick auf die jüngere Kunstgeschichte, Abteilung "Künstler arbeiten mit Fotos", Unterabteilung "Inszenierte Wirklichkeit".
 
In den sechziger Jahren legten Künstler wie Rudolf Schwarzkogler mit seinen in Fotosequenzen dokumentierten Aktionen von 1965 und 66, Arnulf Rainer mit seinen Grimassierungen vor dem Fotoautomaten, Duane Michels mit seinen "Real dreams", die er in seinen Photostories vorführt, den Grund für die Entwicklung dieser Kunstrichtung. Erweitert wurde dieses Spektrum durch Künstler wie Gilbert & George, Pieter L. Mol, Sigurdur Gudmundsson, Christian Boltanski, Bernhard Johannes Blume, Jürgen Klauke, Urs Lüthi und Boyd Webb. Während ein Teil dieser Künstler den Schwerpunkt auf die Aktion gelegt haben, die gewissermaßen von der Kamera nur dokumentiert wird und die häufig auch mit der Sofortbildkamera arbeiten, haben andere sehr viel Sorgfalt auf die nur für die Kamera produzierte Bildwelt gelegt. Schwarzkogler hat die einzelnen Aktionen, die nie vor Publikum gezeigt wurden, detailliert mit einer Reihe von Skizzen und genauen Materialangaben vorbereitet. Ein wichtiges Merkmal bei Schwarzkoglers Arbeiten ist das stillgestellte Bild. Während bei Boltanskis "Lustigen Einaktern" oder Blumes "Transzendentaler Photographie" der Schnappschuß eine große Rolle spielt, sind Falkenhagens Bilder erstarrte Posen, die sorgfältig hergestellt und einer genauen Kontrolle im Spiegel jeweils unterzogen werden. Über den Herstellungsprozeß gibt Falkenhagen selbst Auskunft:
 
"Der Arbeitsablauf hat sich im Laufe der Zeit etwas geändert. Anfangs hatte ich nur einen kleinen Spiegel, in dem ich mich nur sehr schlecht überprüfen konnte, manchmal benutzte ich auch überhaupt keinen Spiegel. Die Kamera, die immer auf einem Stativ steht, löste ich immer durch den eingebauten Selbstauslöser aus. Ich hatte also nur etwa 10 Sekunden Zeit, eine Position einzunehmen bis das Bild gemacht wurde, außerdem waren wie gesagt die Kontrollmöglichkeiten sehr beschränkt. Jetzt habe ich mir einen großen Spiegel bauen lassen, der mir immer gegenübersteht, außerdem benutze ich einen Gummiballauslöser, den ich von meinem Standpunkt aus betätigen kann. So kann ich mich besser auf die Arbeit konzentrieren, und ich kann die Haltung der Person und die Schatten besser überprüfen - die Arbeit ist ruhiger und genauer geworden."
 
Größe und Material der Fotoarbeiten kommt eine besondere Bedeutung zu. Auf den großen Fotos wird das Dargestellte zum unmittelbaren Gegenüber des Betrachters. Er muß sich mit dem Dargestellten auseinandersetzen. Das Bild verändert sich beim Betrachten. Er kann sich zum etwa gleichgroßen Gegenüber verhalten, es nicht wie ein kleines Kunstfoto im Bilderrahmen an der Wand als Objekt seines ästhetischen Vergnügens konsumieren. Entscheidend ist auch, daß das Original die auf dem dicken Fotopapier vergrößerte Fassung ist. Besonderes Merkmal dieses Papiers ist es, daß es einen stofflichen Eindruck hinterläßt, der matt und dumpf wirkt. Dieses Oberflächenphänomen kommt der oben geschilderten "Schwarz-Weiß-Malerei" sehr entgegen.
 
Wer sind die Schauspieler von Falkenhagens Stücken, was stellen sie dar und wie wirken sie zusammen? Gleichberechtigt, gleich wichtig, treten neben Harald Falkenhagen in den bisher etwa 40 Inszenierungen eine Reihe von Gegenständen auf, denen als gemeinsames Merkmal ein Höchstmaß an Bedeutungsleere anhaftet. Es sind meist abgelegte Geräte, Gebrauchsgegenstände, Möbel aus dem elterlichen Haushalt: ein Prachtradio aus den 50er Jahren, ein weißer Küchenstuhl, ein ehemaliges Aquariumsgestell, ein kleiner Küchentisch, eine gedrechselte Blumensäule, ein MiniaturSchallplattenspieler mit Lautsprecherboxen aus der Kinderzeit, ein altmodischer Sessel mit ornamentalem Bezug, ein offener Koffer, eine Schubkarre, ein Fahrradanhänger, aufgerollte Socken, ein Handstaubsauger, ein Heimtrainer (Fahrradgestell), ein Küchenmixer. Etwas heraus fallen die Schautafeln mit exotischen Tieren, wie man sie im Schulunterricht der Volksschule früher in Gebrauch hatte, eine Tafel aus der Nazizeit mit Darstellungen aus der Rassekunde und das in Fraktur gedruckte Schild "Tanzen verboten". Schon bei dieser Aufreihung wird deutlich, daß es keine Gegenstände ohne Bedeutung gibt. Falkenhagens Bemühen richtete sich darauf, Dinge zu finden, deren offensichtlicher symbolischer Bedeutungshorizont - wie er von den Surrealisten z.B. im Bereich von Sexualität verwendet wurde - möglichst unbestimmt war, damit er das neu konzipierte Stück nicht unnötig belastete, dem Thema der jeweiligen Arbeit nicht seine Eindeutigkeit überstülpte. Die Behutsamkeit in der Auswahl der "Mitspieler" war eine Voraussetzung für das Gelingen der Arbeit. Die andere, mindestens ebenso wichtige besteht in der intuitiven Ausformung der Gestik. Eine 1975/76 in Berlin und Frankfurt veranstaltete Ausstellung hat das Spektrum der "Körpersprache" und ihre Verwendung in den verschiedensten Bereichen anschaulich vor Augen geführt. Bei Falkenhagen beginnt die Formulierung in der Haltung, die er in seinen Stücken einnimmt. Mit ihr gibt er den Grundton seiner jeweiligen Inszenierung an. Wieder sind diese Haltungen in ihrer Expressivität zurückgenommen, um Eindeutigkeit zu vermeiden. Meistens hockt, sitzt oder steht Falkenhagen in verschiedenen Positionen scheinbar beziehungslos neben den Gegenständen. Bezugspunkt fast aller dieser Positionen ist der Spiegel, hinter dem gewissermaßen der Betrachter den leeren Blick auffängt. Überhaupt wird der Blick zu einer der wichtigsten Gesten. Zwischen meditierend ins Leere schauen und dem angestrengten Versuch, etwas ins Auge zu fassen, öffnet sich die Interpretationsskala, die durch die Gesten der Hand meistens ergänzt, manchmal auch erweitert werden. Unter den vielen Gesten zwischen Langeweile und Anspannung fallen vor allem die auf, die an das kindliche Verstecken hinter den eigenen Händen erinnern, hinter denen das Auge hervorlugt. Abwarten, ob sich Sinn einstellt, scheint mir eine andere, für alle Inszenierungen typische Haltung zu sein. Gerade diese Offenheit in der Gestik, die natürlich auch durch die genau kalkulierte Kleidung und durch die Frisur unterstützt wird, läßt beinahe automatisch eine Fülle von psychologischen Spekulationen zu. Vor einem kulturellen Hintergrund, der durch die verschiedensten Medien mit ihren alltäglichen Geschichten zur zweiten Natur geworden ist, bekommt diese ausbalancierte Offenheit in der Inszenierung, dieses Austarieren zwischen zufällig und absichtlich, zwischen bestimmt und unbestimmt, einen besonderen Reiz, den spürbaren Luftzug von Offenheit, die der Phantasie des Betrachters noch unbesetzten Raum anbietet. Gleichwohl lassen sich in Ansätzen bestimmte Sinnbezüge herstellen, die sich mit gesellschaftlichen Reflexionen verbinden. Der dunkle Anzug als kleinbürgerliche Kostümierung transportiert noch etwas von der hohlen Würde, die allgemein Familienritualen anhaftet. In der Verwendung bürgerlicher Wohnkultur berührt sich Falkenhagens Arbeit mit Bernhard Joh. Blumes Photodarstellungen, bei denen oft Wohnzimmermöbel, Teppiche und Tischvasen in Bewegung geraten sind, um zusammen mit den Akteuren (Blume mit Mutter) die starre Welt kleinbürgerlicher Normen ins Wanken zu bringen. Die Stühle haben eine entfernte Verwandtschaft mit Klaukes Darstellungen von der "Melancholie der Stühle", die im Rahmen seiner Werkgruppe "Formalisierung der Langeweile" entstanden sind. Jürgen Klauke selber hat die Offenheit von Falkenhagens Arbeit sofort genutzt, um bei der Inszenierung "Falkenhagen sitzt im Schneidersitz, umgeben von aufgerollten Socken" folgenden Titel zu erfinden: "Mama, ich habe abgetrieben".
 
Allgemein kann man Falkenhagens Arbeit beschreiben als in Szene setzen von bestimmten unaussprechbaren Stimmungen. Der scharfe Schlagschatten, mit dem hellen Scheinwerferlicht künstlich erzeugt und akzentuiert eingesetzt, tritt in ambivalenter Funktion auf. Seine Wirkung beruht sowohl in seiner Verrätselung als auch in seiner Verdeutlichung, er tritt gewissermaßen parallel zur Wirklichkeit auf und hat ein ähnliches Verhältnis zu ihr wie das Foto. Er begleitet die Wirklichkeit, ohne sich mit ihr zu decken. Dennoch ist Falkenhagens Interesse nicht auf die Reflexion des Mediums gerichtet. Vielmehr stellt er sich mit seiner Arbeit, ähnlich wie mit seinem Körper auf der zuletzt abgebildeten Inszenierung, zwischen Hell und Dunkel. Seine Arbeit lebt von der Spannung, die zwischen Zeigen und Verbergen liegt. Je deutlicher etwas vorgezeigt wird, von dem wir nicht genau erkennen können, was es eigentlich ist, was es zu bedeuten hat, je aufmerksamer werden wir für das, was sich hinter dem Vorzeigen verbirgt. Lichtkegel und Schatten als Sinnbilder für Zeigen und Verbergen bestimmen die Spannbreite dieser Inszenierungen. Doch ähnlich wie beim Stationendrama und im Unterschied zum klassischen Drama gibt es keine Lösung des Knotens. Immer wieder wird hier der Versuch unternommen, Hell und Dunkel, aus Bewußtem und Unbewußtem, aus Scharfem und Unscharfem, aus Denken und Fühlen, aus Kalkül und Intuition ein Bild zu gewinnen, das in der Lage ist, dieses Spannungsverhältnis auf den Betrachter zu übertragen. Das beschattete Auge, das aus dem Dunkel wie das einer Raubkatze aufleuchtet oder an Anthony Perkins in Hitchcocks "Psycho" erinnert, - wo die Spannung auch aus der Ungewißheit bezogen wird -, begegnet uns als Identifizierungsangebot, um zugleich im ausgefaserten Rand des Großfotos uns die Distanzierung aufzunötigen. Identifizierung ist nicht möglich und trotzdem üben diese Bilder eine große Suggestion auf uns aus. Die Vorführung domestizierter urwüchsiger Kraft in Gestalt des Arbeitselefanten auf der Schautafel, verdeutlicht durch die Rückenfigur des Treibers, wird durch den posierenden Falkenhagen einerseits unterstrichen. Die rechte Hand ruht auf der Schautafel, den Kopf des Elefanten als Auflagefläche nutzend. Andererseits wird die Aussage der Schautafel vollständig entkräftet, ja neu verrätselt durch den angespannten Blick ins Leere des Spiegels. Harald Falkenhagen produzierte eine kleine Schallplatte mit dem Titel "Phonophobia", auf deren Label u.a. eine Aufzählung aus einem medizinischen Lexikon abgedruckt ist. Aus dieser Aufreihung, die Falkenhagen aus einer Publikation von Timm Ulrichs übernommen hat, scheinen mir einige Begriffe als ironische Selbstreflexionen zu lesen zu sein:
"angst vor der dunkelheit"
"angst vor objekten rechts vom körper"
"angst vor der farbe rot"
"angst vorm hinsetzen"
"angst vor der eigenen stimme"
"angst vorm gesehenwerden"
"angst vorm gehen und stehen"
 
Neben den "Inszenierungen" hat Falkenhagen auch Zeichnungen angefertigt, die er als fotokopierte Bücher gesammelt hat. Einige dieser Zeichnungen haben Beschriftungen, die in die Richtung einer möglichen Bedeutung seiner Arbeiten weisen: "Störende resignierte Struktur" "Störende klassische Ironie" "Strukturierte inszenierte Selbstaggression" "Störende bemerkenswerte Quelle" Ein Titel einer frühen Photoarbeit von 1978 gibt meines Erachtens am besten die Gefühlslage wieder, aus der diese Inszenierungen entstanden sind: "Wenn ich nur zufällig nicht absichtlich hier stünde". Damit ist ein "Manierismus im eigenen Garten" (Titel einer dreiteiligen Zeichnung) angedeutet, der wie kaum eine andere Kunstäußerung in unserer fleischgierigen Zeit sich jeder Vermarktung und schnellen Konsumption entzieht und als zufällig absichtlicher Beitrag dem Betrachter Freiheit für eigenes Fühlen und Denken läßt.
 
Ulrich Bischoff