Michael Erlhoff
 
Objektives von Falkenhagen
 
Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt, und nichts wäre so verkehrt, wie das zu leugnen. Trotzdem werden es in der Summe oder im Durchschnitt immer die gleichen Möglichkeiten bleiben, die sich wiederholen, solange bis ein Mensch kommt, dem eine wirkliche Sache nicht mehr bedeutet als eine gedachte. Er ist es, der den neuen Möglichkeiten erst ihren Sinn und ihre Bestimmung gibt, und er erweckt sie.
(Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften)
 
 
Jegliche Äußerung muß immer auch als eine mehr oder weniger bewußte und intendierte Entäußerung des dem Sich-Äußernden vermeintlich Eigenem gedacht werden: man sucht, sich sich selber zum Gegenstand zu machen, zum Anderen, zum Entgegengesetzten. Denn in jeder Äußerung - sei diese noch so ideologisch oder trügerisch - steckt als Motor das Mißtrauen gegen jenes zugleich oft enthusiastisch gepriesene eigene Selbst, und jede Äußerung trägt dem Unbehagen an der möglichen und wahrscheinlichen Verlogenheit dieses Selbsts Rechnung und drückt Hoffnung auf ein anderes wahrhaftiges Selbst aus. Äußerung stützt sich dabei merkwürdig selbstsicher auf die strukturelle Behauptung der Phänomenologie (auch der des Geistes), daß in der Erscheinung sich immer die List der Vernunft erahnen ließe. Weshalb erst die Form der Entäußerung Bewegung schaffe, Energie freisetze und sich im Widerspruch zu sich selbst räkeln könne. - Da ist von Dialektik die Rede.
Was - Lacan folgend - konkretisiert werden kann: Der erste Blick in den Spiegel gewinne lebenslang die Idee einer Utopie von Identität - wegen der ersten Erkenntnis von Differenz, Andersheit. Diese Form könnte man als »Ideal-Ich bezeichnen« (Lacan), also als die äußerlich befriedigendste Möglichkeit von Erscheinung, die eine Vorstellung vom eigenen Selbst imaginiert; und selbst da, wo sich später in diese Imagination Verschönerungen (notwendig als Selbstschutz) einschleichen, mag dieses erste Stadium der Selbsterkenntnis durch Differenz noch als Erinnerungsspur erhalten bleiben; wenngleich immer schon als verspiegelte Erinnerung, zweischneidig also, da ja die Spiegelung neben dem richtigen ineins das seitenverkehrte Bild einbezieht, die im Spiegel sich darstellende Gestalt durch die zwei Aspekte ihrer Erscheinungsweise die mentale Permanenz des Ich« demonstriert, und gleichzeitig dessen entfremdete Bestimmung präfiguriert: »sie geht schwanger mit den Entsprechungen, die das Ich vereinigen mit dem Standbild, auf das hin der Mensch sich projiziert, wie mit den Phantomen, die es beherrschen, wie auch schließlich mit dem Automaten, in dem sich, in mehrdeutiger Beziehung, die Welt seiner Produktion zu vollenden sucht« (Lacan). Denn die Verkehrung des Spiegels birgt in sich eben auch die Täuschung des Selbst und die Fläche von Projektion; und bevor der allgemeine und sich selbst befriedigende Jubel über Selbstdarstellung, Selbstverwirklichung, Zusichselbstkommen und dergleichen erneut ausbricht, stände ja immer noch die Frage an, was dieses Selbst diesseits seiner Imagination denn sei. Was von Friedrich Heubachs Freund Gufo Reale schlicht so beantwortet wird: Wenn ihr euch selbst verwirklichen wollt, dann nehmt ihr den Verhältnissen doch nur deren Arbeit ab« - Die Formulierung der Kategorie »Selbst« nämlich tut so, als gäbe es etwas Eingeborenes, das nur aus dem Verschütteten, aus den Trugbildern und Projektionen herausgeschält werden müsse; Selbst« meint sich nicht dynamisch als Entwicklung und als Lern- und Erfahrungsprozeß, sondern statisch als guter Kern, während Lacan zurecht den gesamten Prozeß ineinanderverdrillt darstellt und die Kategorie fragil und beweglich läßt.
Diesseits also des »Selbst« bleibt, daß wir in einem frühkindlichen Stadium jene Augenblickserfahrung unserer immanenten Differenz machen, und dies in der Erscheinung, im Bild - was in bürgerlicher Gesellschaft, die dem als emanzipiert, von höriger Sklaverei befreiten Sehen die führende Rolle einräumt, gewichtig ist, und uns so sehr zu beschäftigen scheint, daß der Blick (oder Nicht-Blick) in den Spiegel für uns zwangshalt wird, daß wir Doppelgänger bewundern und im Traum uns als einen Anderen besichtigen können.
Jegliche Absicht der Selbstdarstellung wird also versuchen, sich vornehmlich im Bild auszudrücken (und auch im Bild am gefährdetsten und folglich am angstbesetztesten sein). - Wen wundert es also, daß die extravaganteste Forderung gerade an die bildenden Künstler die nach der vordergründig unmittelbaren Entäußerung ist: nach Autoportrait, oder simpeldeutsch: nach Selbstbildnis. Und wen wundert es, daß notwendig hier die Unschärfe am größten ist.
»II mio viso è sfocato, perché c'è una sola parte del mondo sensibile che l'uomo, che 'può vedersi mentre guarda', secondo Merleau-Ponty, non riesce a vedere di sé: il viso. Tutt'al piú si può rendere un' idea approssimata, attraverso la memoriandi altre fotografie, il narcisismo di una superficie riflettente, qualche riferimento casuale, ma l'immagine restera imprecisa, sfocata« (Ugo Mulas, Le Verifiche).
(»Mein Gesicht ist unscharf', weil es einen einzigen Bereich der sinnlichen Welt gibt, den der Mensch, der sich selbst betrachten kann, während er schaut' (Merleau-Ponty), nicht von sich wahrzunehmen in der Lage ist: das Gesicht. Er kann lediglich eine ungefähre Vorstellung wiedergeben, die durch die Erinnerung an andere Photographien bestimmt ist und durch den Narzißmus reflektierender Oberfläche, durch zufällige Beziehungen - aber das Bild wird immer ungenau sein, unscharf« Übers. M. E.)
Solche Theorie der Unschärfe (die en passant den Phänomenologen Merleau-Ponty zitiert) scheint, begibt sie sich doch der Naivität des Selbst« richtig und ist gewiß ein im Verhältnis zu üblicher Photographen-Praxis allein narzißtischer, aufgeblähter Autoportraits sehr avanciert. Doch bietet auch sie bei genauerer Betrachtung lediglich Augenwischerei; denn sie unterschlägt, da Unschärfe lediglich quantitativ argumentiert (mehr oder weniger scharf), die qualitative Differenz: die verwobene Andersheit. Die jedoch trotz aller Bemühungen in bestehenden psychosozialen Strukturen nur im Verzicht auf das Autoportrait und in offensichtlicher Vermitteltheit, eben an anderen Gegenständen, gefunden werden kann. - Es sei denn, jemand habe sein Spiegelstadium seitenrichtig im Monitor erlebt und dabei vielleicht eine andere, vielleicht distanziert narzißtische Prägung erfahren.
Was dennoch vorerst nichts daran ändern würde, daß der Versuch des Selbstportraits Wiederaufnahme oder Kontaktsuche mit jenem frühen Erlebnis der - wie auch immer - Spiegelung wäre; und Kontaktaufnahme mit den Gegenständen der Erfahrung, die - es wird fortwährend komplizierter - sich in das erste Bild und in die folgenden verschränkte. Noch einmal Lacan: »Dieser Akt erschöpft sich nicht, wie beim Affen, im ein für allemal erlernten Wissen von der Nichtigkeit des Bildes, sondern löst beim Kind sofort eine Reihe von Gesten aus, mit deren Hilfe es spielerisch die Beziehung der vom Bild aufgenommenen Bewegungen zur gespiegelten Umgebung und das Verhältnis dieses ganzen virtuellen Komplexes zur Realität untersucht, die es verdoppelt, bestehe sie nun im eigenen Körper oder in den Personen oder sogar in Objekten, die sich neben ihm befinden'' Was durchaus als ständiges Ereignis zu denken ist und sowohl die libidinöse Besetzung des eigenen Selbst als auch bestimmter Gegenstände (bis zum Fetischismus) bedingt. »Ich auf Sessel', oder »lch mit Radio« oder »lch vor dem Hintergrund« oder radikaler, in Auflösung begriffen »Ich als Beau« »Ich als Chaplin« oder aufgelöst »Ich als Teil von« oder »Ich als Schattenwerfer«
Die eben zitierte Folge löst sich mit den von Lacan beschriebenen Gesten vielleicht allein im ersten Teil ein und bricht dann (oder womöglich in der Ausformulierung schon anfangs) ab, widersetzt sich, zeigt neue Verhältnisse auf. Was in Verwirrung stürzt und Vermutungen entfacht. Während nämlich Lacan wie all die Theoretiker um ihn herum getreulich romantisch das Ich im Spiegel auf Identitätssuche schickt, sich entäußern läßt, und die Gegenstände als Widerstand für Arbeit an der Bildung braucht, könnte ja der, der statt den Spiegel den Monitor entdeckte und statt Gegenständen die weichen Waren, auch statt Identität seine automatische Fiktion sich eingestehen. Was bedeuten würde: Ohne Trauer aufs Identische verzichten, und ohne Selbstbetrug die Flausen im Kopf als Realität zu akzeptieren. Womit die Differenz sich permanent ausdrücken würde, jedoch anspruchslos.
Ein Beispiel dafür: Ich kenne eine Studentin und einen Studenten, die gemeinsam ihre Ferien in Nizza verbrachten - und zwar nahezu ausschließlich damit, die Promenade des Anglais hinauf- und herunterzuspazieren; wahrscheinlich in der Haltung von Lauren Bacall oder Marlene Dietrich und von Humphrey Bogart oder dergleichen. Traditionelle Psychologie (hier leider einschließlich der Psychoanalyse) wäre schnell geneigt, dies in neurotischen oder gar psychotischen Schubkästen einzusammeln, und gänzlich stupide Psychologie käme unverstanden wahrscheinlich mit »Rollenspiel« daher. Doch der entscheidende Punkt an dieser Szene ist, daß die beiden genannten Flaneurs um ihren Status und um ihre Fiktion jederzeit wußten und dennoch oder deshalb so agierten. Sie gaben also ganz bewußt den (zumal im Urlaub so vielversprechenden) Traum von Identität oder Besonderung durch ein eigenes Selbst auf und akzeptierten eine vorübergehende und auswechselbare Leihidentität.
So wie Harald Falkenhagen in seinen Autoportraits auf das Präfix »Auto« auf das »Selbst« im Bildnis verzichtet, eben doch nur Portraits hervorbringt - von Figuren, die er darstellt. Die vielleicht nur er darstellen kann, da sie seine Fiktionen sind, da er in ihnen so etwas wie eine second-hand-ldentität aufbaut, um den von ihm als verlogenen Schein behaupteten Wunsch nach Identität zu zerstören und sich vor ihm zu schützen. Er als Teil von Brehms Tierleben oder als eisiger Dandy oder als Schatten von Donald Duck. - Und selbst die Gegenstände, über die der Selbstbildner gewöhnlich sich die Aura von Einzigartigkeit zu imaginieren suchte, verschwinden bei ihm in der Deutlichkeit, mit der sie zeigen, daß auch sie lediglich Apercus sind: Kosmetik, Schnickschnack, Staffage.
So kaltschnäuzig ist das, womöglich. Und radikal ideologiekritisch, da es sich mit Wucht auf eben die Gebilde stürzt, die selbst noch von kritischer Wissenschaft erträumt werden: auf das gesamte Beziehungsgeflecht von Subjekt und Objekt (übrigens zitiert auch die reale Größe seiner Bilder - Lebensgröße nämlich, den Spiegel, und zertrümmert sie ihn).
Daß allerdings Falkenhagens Bilder schwarz auf weiß daherkommen und immer ein klein wenig armselig aussehen, entsprechend doch hinterrücks Schmerz und Wehmut spüren lassen, muß ihn selber verwirren, denn dies weist zurück auf den Spiegel und seine schwarzweißen Erinnerungen und Traumbilder und auf den letzten Hauch von Romantik.
Vielleicht wird seine Arbeit sich hier weiterentwickeln: an einer riskanten Klippe, an der nicht nur er, sondern die gesamtgesellschaftliche Struktur spätkapitalistischer Gesellschaften auf einen denkwürdigen psychosozialen Bruch trifft, dessen Folgen nicht absehbar sind, sicher aber Vorstellungen von Leben gründlich verändern werden. Die Zukunft könnte immerhin den Automatenportraits gehören.