Michael Erlhoff
 

einfach so

 

 

1.
Kann man sich, so könnte überraschend wie plausibel gefragt werden, den großen Königsberger Philosophen Immanuel Kant als humorvollen Schreiber vorstellen?
Klar, das schiebt ja gleich die Frage nach, was denn hier unter Humor verstanden sei und um welche Art von Humor es denn ginge – und gewiß müßte man dann protestantische Ethik und darin womöglichen Humor erläutern, den zeitlichen Kontext und Königsberg als west-östlichen Humor-Platz erörtern. Zumal wir ja wissen, daß Kant zwar gern Senf selber komponierte und schuf, zugleich aber wegen der Lautstärke den Chor des seiner Wohnung nahegelegenen Gefängnisses so verachtete, daß er sich darüber beschweren mußte.
Eigenartig ist das schon, mehr aber nicht. Und noch seltsamer, wenn man mal kurz die Perspektive wechselt und sich vorstellt, welch diebisches Vergnügen er womöglich dabei hatte, seine Äußerungen wieder und wieder in anderem Aspekt und dann noch einmal gedreht und gewendet und verschachtelt aufzuschreiben und uns vorzuführen: Auf daß – auch dies ist doch vorstellbar – sich die Exegeten (oder einige derer, eben die verständigen) ob solchen Verästelungen und solcher Akribie höchst akademisch amüsieren mochten.
Übrigens gerät bei diesen Gedanken eventuell Arno Schmidt ins Gerede: jener Heide-Bewohner und ebenso scharfsinnige wie ausschweifende Autor, der doch in „Zettels Traum“ und vielen anderen Büchern Leserinnen und Leser dauerhaft in den merkwürdigen Schwebezustand versetzt, den „Bargfelder Boten“ als heimtückische Absurdität oder als bloß verzweifelte Monumentalisierung zu begreifen – und damit den Autor ebenso, aber noch verwackelter.
Doch zurück zu Kant: Gehörte nicht zu einer der scharfsinnigsten seiner Erkenntnisse die in der „Kritik der Urteilskraft“ plötzlich gefaßte Behauptung des Genialischen – also die schier brutale Formulierung eines ingeniösen Jenseits der Verständigkeit. Jene denkwürdige Verknüpfung von Naturschönem und menschlichem Wesen. Wo alles möglich und an und für sich wunderbar ist.
Liest man nun, neugierig geworden, bei Kant nach, so findet sich unter „Humor“ gar nichts (denn das war damals noch keine Kategorie), wohl aber zum „Witz“. Diesem nämlich schreibt er die Kompetenz zu, „dem Besonderen das Allgemeine auszudenken“. Was gewissermaßen als Alternative zur „Urteilskraft“ formuliert ist, da diese eben dem Allgemeinen das Besondere abringe.
Nun aber könnte man ja schon erahnen (die „Kritik der Urteilskraft“ im Kopf), daß in dieser Gegensetzung dem Witz als Präzisierung in Klammern beigefügt wird: „(„ingenium“)“. Also gerät der Witz zum Aspekt des Genialischen – und das ist gewaltig (und führt übrigens ganz konsequent in immanenter Argumentation Kants dahin, einige Seiten später den „Aberwitz“ als Seelenkrankheit zu beschreiben, mithin jene volksmundig gespürte Nähe von „Genie und Wahnsinn“ aufzunehmen).

 

 

2.
Nun mag, zugegeben, etwas weit hergeholt und aufdringlich erscheinen, zur Erörterung der Arbeitsweise und Arbeiten eines zeitgenössischen Künstlers gleich Immanuel Kant zu zitieren. Außerdem sind derweil über die Jahrhunderte und Jahrzehnte hinweg ja etliche Analysen zum Witz und zum Humor formuliert worden, daß nichts mehr dies Thema weiter erhellen könnte. Dramatischer noch als Einwand: Gibt es doch die quasi ständige Gefahr der Verleumdung von Kunstformen durch derbe Lacher, die damit – ganz im Sinn Freuds – spontan Unverständnis kompensieren oder kaschieren oder gar die Kunst bloß auslachen und verleumden wollen, sie lächerlich zu machen.
Doch bedacht. Denn umsichtig kann Kunst nicht bloß einem dumm Allgemeinen zuwider auf den Scharfsinn des Witzes verzichten, und zweifellos existiert ja auch eine Geschichte des Humors in der Kunst – bis zu unter anderem den wunderbaren Comics von Ad Reinhardt, gerade in seiner radikalen Konstruktion des Verhältnisses seiner Kunst zur diese betrachtenden Öffentlichkeit. Die Radikalität des Ingeniösen zwingt ja fast zu dieser Form, ohne je im billigen Lachen unterzugehen oder stur in seiner Kategorie sich aufzulösen.
Aus der anderen Sicht: Kants Formulierung, „dem Besonderen das Allgemeine auszudenken“, ist wahrlich ebenso präzise wie wundervoll. Erläutert dies doch die Eigenheit oder den Eigensinn von Kunst, zumal das Sonderbare aufzuspüren, herauszufordern und ihm Bedeutung oder wenigstens Ansehen zu geben: also dem Besonderen, augenscheinlich Vereinzelten oder Merkwürdigen und Sonderbaren nicht nur fokussierte Evidenz zu vermitteln, vielmehr es gar als substantiell allgemein zu formen und zu belegen.
Wobei Kant ja zusätzlich zwei Hinweise unterlegt. Denn er fordert noch dem Genialischen ein Denken ab, allerdings – der zweite Fingerzeig – unter der Rubrik des Ausdenkens. Was eben das Antizipierende, das Aushecken oder damit gar die Imagination beansprucht. – Daß dabei das Allgemeine (oder meinetwegen die Allgemeinheit) dies nicht gleich bemerken mag, da es ja vorab oder selbst in der Darstellung nicht als allgemein einsehbar ist, also dies nicht immer schätzt oder nur in allgemein so trostlos meist geforderter Vermitteltheit verstehen und so akzeptieren mag, ist klar und gehört einfach zum Phänomen und zur intrinsischen Form von Kunst.
Welch guter Einstieg deshalb womöglich, die Kunst des Harald Falkenhagen verstehen zu wollen.

 

 

3.
Nun geht Falkenhagens Kunst gewiß nicht in Witzen auf, eher werden einige das gar nicht lustig, humorvoll oder witzig finden.
Warum auch. Da gab es jene großformatigen Photos, Harald Falkenhagen ganz enzyklopädisch mit „Brehm´s Tierleben“ zu verschmelzen: Sie verschränken die bloß quasi – und zugleich so heftig angestrebte – rein ritualisierte Darstellung der Tierwelt als vertraute Möglichkeit, nehmen sie ernst und überwuchern dann noch hinterhältig Darwin (haben wir Menschen bekanntlich genetisch mit der Banane gar nicht so viel weniger gemein als mit den Affen). Zugleich gerät in diesen Photos der Rahmen zur Bühne oder wird das Zimmer ganz guckkastenmäßig zum theatralischen Ensemble.
Jedoch wirkt all dies überhaupt nicht theatralisch, ironisieren diese Bilder eher gerade in der denkwürdigen Anwesenheit des Künstlers im Rahmen all jene zu jener Zeit trendigen Selbstdarstellungen etwa Bazon Brocks oder von Timm Ulrichs und all der darauf folgenden Performer. Die ostentative Uninteressiertheit oder fast im Wortsinn Unbekümmertheit des beteiligten Künstlers schafft gar eine schier bedenkliche Selbstverständlichkeit – oder: Das Allgemeine im Besonderen wird über die Grundkonstruktion dieser Bilder als so gleichgültig vorgeführt, daß es wie obligatorisch aussieht und man fast nicht einmal staunt. Es wird natürlich in neuer Weise.
Schrecklicher noch: Hier wird alles so plausibel vorgetragen, daß auf den ersten Blick (zu mehr reicht es oft ja nicht) alles fraglos scheint, auf daß jenes allgemein so bildungsbeflissene Publikum (nichts anderes findet man in Museen oder Galerien zu mehr als neunzig Prozent, abgesehen von potentiellen Sammler-Markt-Interessen) furchtbar enttäuscht reagieren muß, da doch all jene so beliebten Sinnfragen eines Dahinter und Währens irgendwelcher Tiefe sich nicht einstellen möchten. Alles scheint augenscheinlich – und demgemäß zu einfach, um als kunstvoll akzeptiert werden zu können.
Noch einmal mitsamt Kant und zugleich diesen – schillernd – im Beginn des Bildungsbürgertums zurechtgerückt: Wenn die beflissene Urteilskraft (diesseits von Wortwitz durchaus als „Ur-Teilskraft“ begreifbar) eben im Allgemeinen das Besondere aufsuchen mag: Falkenhagen widersetzt sich dem irgendwie ausdrücklich, da er Allgemeinplätze vordergründig immer gleich aktenkundig macht und so aller tiefsinnigen Befragungsmöglichkeit beraubt.
Fast inmitten von Jurisprudenz (worin ja immerhin Umsicht sich verbirgt und verbürgt) kanzelt er jede „Banalität durch Tiefe“ (Ernst Bloch) gleich im Vorfeld ab.

 

 

4.
Gewiß, augenblicklich drängt sich als Zauberwort, die Arbeiten und Arbeitsweisen des Harald Falkenhagen halbwegs zu verstehen, der Begriff „lakonisch“ auf (oder würden heutzutage einige jüngere Menschen eventuell „cool“ sagen, obwohl es das damals als Terminus noch gar nicht gab und es heute immer noch eher als Traum denn als eingelöste Haltung auftaucht).
„Manchmal ist es ganz einfach“, titelt Harald Falkenhagen, und man ist sogleich verführt, diesem Verdikt zu folgen. So lakonisch stellt sich alles bei ihm dar.
Nun kennen wir aus den bisher letzten Jahren von ihm vor allem Zeichnungen und deren eigenwillig bezeichnete Farbflächen oder -kleckse, manchmal umstellt mit jetzt aber an sich vorgelagerten Photos.
Doch anders, als man nun hoffen mag, sind Zeichnungen bekanntlich nicht gleich zwingend lakonisch. Aber sie ermöglichen, kompetent um- und eingesetzt, eben dies; denn sie können so hinreißend beiläufig wirken, so unaufwendig, gerade mal so aufs Blatt gezaubert. Bei Dieter Roth zum Beispiel oder bei Claus Böhmler – und eben bei Falkenhagen.

 

 

5.
Lakoniker, also jene Lakonischen, übrigens nannte man einst die Bewohnerinnen und Bewohner der griechischen Region „Laconica“. Weil diese nicht gern viel reden mochten – wenn, dann jedoch ernsthaft. Immerhin gehört zu dieser Landschaft ja auch die berühmte Stadt Sparta.
Nun liest sich dies im Kontext der Arbeitsform Harald Falkenhagens vielleicht doch etwas heftig – obwohl: irgendwie reizvoll ist schon, über jene Beziehung der Wortkargen und ihrer Handlungen weiter nachzudenken. Denn, so liegt nahe zu schreiben, bloß die Wortreichen wedeln auch viel mit den Armen und tendieren zu den großen Gesten. Während die, die wenig Worte machen, meist auch nur gedämpft handeln oder eher nebensächlich, so en passant. Allerdings dann präzise.
Dieses Beiläufige jedoch kann besonders zusetzen oder sogar zuschlagen. Zumal, wenn das Beiläufige eher als Vorübergehen beschrieben werden sollte, weil sonst dies Passagere allzu eilig klänge. Nein, diese Zeichnungen wirken zwar flüchtig, laufen aber nicht davon und sind uneilig formuliert. Eben so, wie englische Nebensätze, die zwar als Legitimation ihrer Existenz Hauptsätze brauchen, alles Wesentliche jedoch allein nebensätzlich äußern.
Das ist immer schier leichtsinnig aufs Blatt notiert und verzichtet allemal auf jene „Tiefe“, die laut Busoni stetig Breite wird und diese durch Schwere zu erreichen trachtet. Manchmal sogar scheinen sich diese Zeichnungen über sich selber zu wundern, reflektieren sie sich staunend und verwirren damit die Betrachtenden, die doch so gern verstehen möchten, umso mehr. Und: Sollte das Bild selbst sich nicht schon augenscheinlich selbst verunsichern, dann fügt der Autor Falkenhagen gleich selber einen Kommentar hinzu. Als bräuchte es uns überhaupt nicht, oder als sei alles sein eigenes System: mit innerer Dynamik und Beziehungslogik. Da es aber publiziert wird, animiert uns das dennoch zur Partizipation und Auseinandersetzung – womöglich, um herauszufinden, daß jeweils schon ohne uns alles gesagt worden ist. Oder nach einer Meta-Ebene des Verstehens ruft, je noch einen Winkel zu öffnen, ein Zeichen zu entziffern oder alles auf den Kopf zu stellen.
Nicht, daß man dann immer etwas findet, denn an und für sich sollte man schon so zufrieden sein. „Art is art“, und alles andere sei alles andere.

 

 

6.
Irgendwie haben offenbar Photographien und Zeichnungen trotz ihres so unterschiedlichen Aussehens etwas gemein – weshalb sie ja auch recht häufig in der Geschichte verknüpft worden sind.
Klar, beide erscheinen flüchtig und augenblicklich. Sie sind, zumindest auf den ersten Blick, schnell gemacht und halten eilig Geschehenes oder auch Gedachtes fest. Beide sehen irgendwie unfertig aus, doch täuscht dies oft. Sie tragen immer so etwas Objektives vor sich her, eben bloß geronnenes Geschehen, und geben lediglich langsam ihre Eigensinnigkeit preis.
Denn sie reproduzieren und setzen vorderhand nur Zeichen und Zeichen-Konstellationen. Analytisch zwar, aber nicht ausufernd, nicht getragen vom Pathos des Subjekts und des Artifiziellen. Das konnten immer nur Aufzeichnungen sein oder Bezeichnungen, Anzeichen von etwas, was man abzeichnen könnte, es zu unterzeichnen.
Sie sind gewissermaßen wohltätig, da sie sachlicher aussehen, und locken so ernst in die Hinterhalte, da sie – heute wissen wir es ja – ebenso trügerisch sind, wie alles sonst.
Noch etwas – und auch dies spielt bei Falkenhagens Arbeiten stets mit – ist merkwürdig bei beiden: Sie sind archivträchtig. Alle Archive nämlich basierten doch auf Zeichnungen und dazu zusätzlich auf Photographien (erst danach kamen Film und andere Medien hinzu). Sogar alle Patentämter, technische Museen und dergleichen sind vollgestopft mit Zeichnungen und Photographien, denn beide überzeugten als Belege, als Dokumente. Sie beurkunden gar die Geschichte der westlichen Zivilisation und garantieren Überlieferung.
Mithin sollten sie für Transparenz einstehen und Öffentlichkeit garantieren.
Somit aber verweisen sie – Falkenhagen mittendrin – auf jene aktuell so berechtigt wie intensiv geführte Diskussion über Sinn und Unsinn oder über Wirklichkeit und Trug der Archive, da diese im Bewahren alles zugleich vertilgen (der Philosoph Hegel wies einst auf die wundersame Dreifaltigkeit des deutschen Worts „aufheben“ hin, da es ja bewahren, beseitigen und emporheben gleichzeitig artikuliert). Hinterhältig nämlich publizieren Archive einfach alles, und die dort gelagerten Zeichnungen und Photographien sichern das Interesse der Öffentlichkeit (weshalb sie auch finanziert werden).
So gelten beide als Darstellungen und bewegen sich zwischen Empirie und Kunst, während Skulpturen und Gemälde zwar auch als je historisch anerkannt durch die Vorstellungen wandern, aber als Unvermittelte, als je Äußerung eines imaginär Inneren. – Falkenhagen folgt dem und stellt es sogleich auf die Füße, denn er bietet Dokument und schließt es sogleich wieder ab, er offenbart Öffentlichkeit und verheimlicht diese, er zeichnet Vordergründe, um Hintergründe aufzubauen. Bei ihm wird alles vertrackt augenfällig.

 

 

 

7.
Muß man, um Zeichnungen zu erörtern, über Strichstärken und Eigenarten des Strichs reden: An sich gewiß, aber nicht bei Falkenhagen. Pragmatisch sucht er einfach das, was er braucht, oder nimmt, was es gibt.
Muß man über Formate schreiben: Klar, und Falkenhagen erarbeitete einst riesige Photos und nun vermeintlich kleine Zeichnungen. Nur stellt er diese Zeichnungen im Zusammenhang aus und publiziert er sie als Serie oder Ensembles und Koordinaten. Außerdem reichen sie häufig ohnehin über sich hinaus und begreifen sich als Fortsetzung von Räumen und Raumteilen – was sie ansehnlich vergrößert. Sie weisen eben über sich hinaus und reflektieren allemal Beziehungen und Beziehungsgeflechte.
Dies übrigens, eben die stete Bezüglichkeit, macht, daß Zeichnungen allemal auch von denen tätig genutzt werden, die überhaupt nicht zeichnen können. Etwa für die Geometrie als Basis mathematischen und auch physikalischen Vorstellungsvermögens; oder als technische Arrangements oder sogar als musikalische Notation. Zeichnung nämlich tritt hier fortwährend als Mittler auf, Gedanken und Vorstellungen zu ordnen, eben die Beziehungsgeflechte klarzulegen oder sich zu verdeutlichen. Wobei in diesem Prozeß Zeichnungen eine ihnen eigene Phänomenologie und Ästhetik entwickelten, sie demgemäß über ihren jeweiligen Anlaß hinausgetrieben haben. – Womöglich hat dies bekanntlich schon Archemides gewußt oder geahnt, als er (so die Sage) die eindringenden römischen Soldaten aufforderte: „Stört mir meine Kreise nicht“, was doch nur Zeichnungen im Sand gewesen sein sollen.

 
 


8.
Jede Arbeit von Falkenhagen stellt die Frage nach der Vorstellung von Empirie, stürzt die Funktionalität ins Unendliche, zerkratzt alle Transparenz, stört die Eingleisigkeit, verzweifelt Ideologie, verunsichert das Augenfällige, kramt das Ungeschaute hervor, vernimmt Frustrationen, veräußert Äußerliches, verwirkt Wirklichkeit, verwackelt alle Bilder, verschenkt Dimensionen, weckt den Verstand und erörtert Beziehungen.
Irgendwie nämlich hat all dies schon viel mit unserer und seiner Gegenwart zu tun, spielt er damit all seine Kenntnisse nicht allein der Kunst, vielmehr ebenso der Situationisten, der experimentellen Poesie und vor allem Musik und digitaler Medialität aus. Denn hier, in seinen Arbeiten, werden denkwürdige Netzwerke neuer Art und Bildlichkeit gewoben. Der heckt ständig etwas aus, und wir Betrachtenden wissen nie so genau was oder nur, daß es an und für sich auffallen sollte.
Dem Besonderen das Allgemeine auszudenken: Das ist eine vergnügliche Erläuterung der Arbeiten und Arbeitsweise des Harald Falkenhagen. Was auch seine Eigenart eines passagere Verorteten erörtert.

 

 

Anhang
Vor etlichen Jahren übrigens ging der auch Musiker Harald Falkenhagen mit einem Saxophon auf eine Kuhweide in Norddeutschland. Er blies, bis er tonal die Kühe interessierte – und diese muhten, ganz im Zusammenspiel mit ihm.
So schafft man Beziehungen.

 

II. Der zweite Blick
Nun kommt die völlig humorlose Variante. Gewissermaßen als Blick auf ebenso endlose wie flache Horizonte.
Beispielsweise verwirrt jeden, der die norddeutsche Tiefebene gewöhnt ist, eine gar seltsame Erfahrung der Bergwelten. Sieht man dort nämlich von einem Ort als Standpunkt ausgehend einen anderen Ort, so scheint jener durchaus nah, da man ihn ja sieht. Allerdings, dem norddeutschen Tiefländer fehlt dafür die Erfahrung, stellt man auf dem Weg zu jenem anderen gewählten Ort ganz allmählich und entsetzt fest, daß man, diesen zu erreichen, womöglich zwei bis drei Stunden mit dem Auto sogar oder wahrscheinlich zehn Stunden zu Fuß oder fünf per Fahrrad benötigt.
Dies ist eben darum fürchterlich, da man – und dies inmitten ausgerechnet katholischer Umgebung – die grausame Frustrationstoleranz aufbringen muß, daß das, was man will, nicht einfach erreichbar ist. Vielmehr braucht man Weg um Weg, passiert nun Kurve um Kurve, bevor Erfahrung sich einstellen mag.
Im Nebenbei könnte sich an diesem Phänomen (durchaus Max Weber im Sinn) eine possierlich theoretische Analyse der Differenz katholischer Religion (das Paradies vermeintlich per Sündenerlaß kurvig erreichbar und dann doch völlig entrückt, zumindest dem verständigen Zugriff und damit realer Erfahrbarkeit, mithin in mystischem oder symbolischem Verblassen), und der protestantischen Theologie, die das Paradies allemal als erreichbar darstellt – eben durch Arbeit und Ansehen, mithin gradlinig, schaffbar und erkennbar.
Wahrlich, im norddeutschen Tiefland wird allemal das, was man sieht, in ersichtlichem Zeitraum auch erfahrbar.
Nun kommt Harald Falkenhagen aus eben jener eigenwilligen Generation, die entgegen den „Achtundsechzigern“ und ihren Utopien, also stets in die Ferne melancholisch entrückter Erfüllung, einst formulierte: „Wir wollen alles – und zwar jetzt.“ Damit nämlich wollte man verzichten auf den „langen Marsch“ und schlicht Gegenwärtigkeit einfordern. Und genau so unumwunden fordern seine Ver-Bildlichungen strikte Erkenntnis und gradlinige Perspektive.
Irgendwie nämlich rufen all seine Zeichnungen ebenso friedfertig wie dezidiert: „Hey, hier bin ich!“ und erklären seine Rauminstallationen, man möge doch bitte sehr seinen Verstand und sein Vorstellungsvermögen für eine je imaginierbare Fortsetzung des Gesehenen nutzen und durchweg die Sichtweisen ergänzen.
Das ist unter anderem deshalb aufregend, da solch Sichtweise und Herausforderung zum Sehen zwar Perspektive einfordert, nicht aber auf der nach Cézanne ohnehin absolut demoralisierten Zentralperspektive pochen mag. Angesichts nämlich der Bildwelten von Harald Falkenhagen könnte man schreiben, daß diese Bilder das wenden, woran gar ein Kasimir Malewitsch historisch scheitern mußte, da er am Ende von Zentralperspektive sein „Schwarzes Quadrat“ eben doch nur „als Fenster zur Welt“ (s. seinen Brief an Matjuschin) zu legitimieren versuchte, mithin in metaphysischer Perspektive aufging und sich auflöste.
Währenddessen führt jener Harald Falkenhagen mit seinen Bildern unsere stets sich einstellenden projektiven Perspektiven mitsamt deren Traumsequenzen vom besseren Leben und vorstellbaren Utopien behutsam an der Nase herum, werden Perspektiven eben zu Tanzbären einer auf durch Arbeit und Effizienz basierten Gesellschaft, die wider besserer Erfolgspotentiale meint, damit die Mittel für Glückseligkeit schon erfunden zu haben (weil katholische und protestantische nicht minder als kommunistische Paradiese heftig durcheinandergemischt sind).
Vielleicht erinnern sich manche Menschen ja noch an jenen Aufruf, zu deren Generation Harald Falkenhagen gehört, in Berlin einst ein „Tunix“-Festival zu besuchen: Da gab es wirklich nichts anderes als ein vielfältig verteiltes Flugblatt und das Gerücht, sich in Berlin zu treffen, um nichts zu tun. Worauf Hunderttausende anreisten, sich trafen, eben nichts taten und dabei glücklich waren. „Tunix“, eben – ganz drastisch abgeleitet von Asterix und dergleichen – und voller Freude am Dasein, Sosein und der Perspektive, gerade darum paradiesisch zu sein.
Keine Frage: Irgendwie schien dies genau der Perspektive norddeutschen Tieflands zu entsprechen, wie es Zukunft und Ausblick vorstellen wollte. – Gewissermaßen wie Harald Falkenhagens Bilderwelten, die häufig Horizonte aufzeigen, vor allem von solchen, die nun die Bilder betrachten, selber rekonstruiert oder konstruiert werden müssen, um einigermaßen einen Eingang und dann einen Ausweg zu finden.
Wie komme ich hinein, partizipiere ich, und wo und wann werde ich bloß davorgestellt oder rausgeschmissen? Eingänge und Auswege: Daran könnte man eine komplette Kunstgeschichte aufhängen mitsamt Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (übrigens auch theoretisch ein herausragendes Phänomen, von griechischer Tragödie über Comedia del´Arte und Meyerhold, Wachtangow und Piscator und unserer Theater- und Medienrealität). Sehr direkt aber landen wir auch inmitten der Bildwelten des Harald Falkenhagen, da dieser gebrochene, quasi offene und schlichte lineare Perspektiven je nach Belieben und zu unserer Verwirrung anbietet.
Kein Zweifel nämlich: Das sind Bilder aus dem norddeutschen Tiefland mit all dessen verdeckten und so unscharfen Perspektiven.