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Harald Falkenhagen
Ausstellung der Gesellschaft für Aktuelle
Kunst Bremen
vom 8. November bis 30. Dezember 1991
Die Zeichnungen von Harald Falkenhagen
»aktivieren« die Ausstellungsbesucher,
denn sie lassen sich »lesen«. Die
einzelnen Blätter und die verschiedenen
Bücher bilden ein Geflecht gegenseitiger
Verweise und Zuordnungen, die sich allerdings nicht
so direkt erschließen.
Doch wie gelingt es dem Künstler, den
Betrachter zu fesseln? Das Auffällige an
diesen Arbeiten ist das deutliche Nebeneinander und
Nacheinander der einzelnen Bildelemente auf dem
weißen Zeichengrund. Wie Comicgeschichten
unterliegen die Sequenzen einer zeitlichen Abfolge
und nehmen deutlich Bezug aufeinander. Dieses
Prinzip der Bewegung, das auch im Film zwar einer
überraschenden, aber in sich stets logischen
Handlung folgt, ist in diesen Zeichnungen
prinzipiell vorhanden, ähnelt aber den
Comic-Bildern überhaupt nicht. Die ganze
Palette der menschlichen Befindlichkeit von
hintergründig ironisch bis selbstzweiflerisch
gelangweilt wird in den Blättern ausgebreitet
und unterstreicht damit einmal mehr das Zeitliche,
den tagebuchartigen Charakter dieser stets mit dem
Datum versehenen Tagesblätter. Doch so einfach
und kurzweilig bleibt die Situation natürlich
nicht. »Bitte verstehen Sie mich nicht zu
schnell«, diesen Ausspruch von Andre Gide hat
Ad Reinhard den goldenen Regeln der heutigen Kunst
zugeordnet, und in der Tat geht es hier nicht um
die akribische Aufzeichnung / Dokumentation
persönlicher Befindlichkeiten, sondern
einmalwiederum die Frage nach der
künstlerischen Praxis heutzutage, Anfang der
90er Jahre angesichts in die Jahre gekommener
Moderne zu einem Zeitpunkt, an dem eigentlich schon
lange alles gesagt zu sein scheint.
Die Zeichnungen von Harald Falkenhagen sind
angesiedelt im Spannungsfeld zwischen Intuition und
Methode. Intuitionen sind nicht an einen bestimmten
Bewußtseinszustand gebunden, sie sind da,
sind willkommen oder bleiben aus, ihr Fehlen wird
beklagt. Die Intuition stellt sich unverhofft ein,
manchmal beiläufig, bei vielen Menschen erst
in einem Zustand der Spannung, während eines
Telefonats oder bei irgendeiner beliebigen anderen
Tätigkeit.
Generalisieren läßt sich da nichts,
auch nicht herbeizwingen. Intuitionen sind nicht
abrufbar. Doch wovon ist hier überhaupt die
Rede? Intuitionen, könnte man sagen, sind im
Unterbewußtsein abgespeicherte Erfahrungen,
um ein Bild zu benutzen: auch Teile eines Puzzles,
die, wenn sie zusammenpassen, in das
Bewußtsein treten, Idee oder lmpulsgeber sind
für das menschliche Denken und Handeln. Doch
ob sich etwas verfügt und wann es an die
Oberfläche des Bewußtseins gespült
wird, dafür fehlen die Erklärungsmuster.
Die Idee, aus der spontanen Intuition
entstanden, erhält, auf dem Blatt fixiert,
sofort einen autonomen Status. An ihr wird nichts
mehr geändert, gar verbessert. Wie ein
kritisch distanzierter Beobachter begegnet der
Künstler seinen eigenen Ideen und stellt ihnen
gezeichnete bildnerische Kommentare an die Seite,
die wiederum genauso knapp, minimal oder üppig
bunt sind wie die ursprüngliche Idee. Die
Selbstbeschränkung dieses methodischen
Ansatzes vermeidet eine klärende Hierarchie
zwischen Methode und lntuition. Verrätselt
wird obendrein auch noch der Ursprung, der
Anlaß. Welche der Notationen war nun der
intuitive Anlaß, und welches ist die logische
Variation? Diese Frage wird oft nicht mehr
beantwortet. Ratio und Intuition tragen hier
dasselbe Kleid.
Barbara Claassen-Schmal
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