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Großformatige Fotografie von Harald
Falkenhagen
Wenn alle Welt fotografiert, ist das Ergebnis in
der Regel Allerweltsfotografie. Die
Sofortbildkamera hat dem toleranten Ehepaar
zunächst die Peinlichkeit des Industrielabors
erspart, später, als vollautomatischer
Filmvernichter, für Umsatz gesorgt und sehr
viel später dem Exhibitionismus der
Künstler das Gerät gestellt. Die
Ergebnisse der angestrengten Bemühungen sind
fast immer bemerkens-, aber selten ansehenswert. Es
bleibt zu wünschen, daß die Automatik
auch den Sucher abschafft. Millionen gucken
täglich durch teure Linsensysteme und finden
Austauschbares, das billiger zu kaufen wäre.
Die Mattscheibe zeigte die Welt im Kopfstand,
der Fotograf hatte Mühe, sie wieder auf die
Füße zu stellen, den Bildern hat das
sehr genützt. Wer auf den Voyeurismus zielt,
findet in der Sofortbildkamera einen handlichen
Apparat. Der Preis des Fotoexhibitionismus ist,
angenommen zu werden. Der Betrachter vereinnahmt
das Gezeigte, sieht im Hersteller den ersatzweise
Handelnden und drückt das Besondere ins
Allgemeine. Die Hoffnung, ihn damit klüger und
umgänglicher zu machen, ist, noch all den
kostenlosen Führungen und Vorträgen,
etwas schal geworden. Wir sollten es, trotz
Humanismus und Aufklärung, wenn überreden
nicht hilft, mit Suggestion versuchen.
So weit, so gut; aber was mache ich jetzt mit
den hier gezeigten Fotos von Harald Falkenhagen? Es
ist nicht sonderlich schwierig festzustellen was sie nicht sind. Sie taugen nicht fürs
Familienalbum, sind keine Momentaufnahmen
irgendeines Geschehens und unbrauchbar als
Szenenfotos für die städtischen
Bühnen. Wie genau diese Bilder sind, wie
empfindlich der Raum auf die geringste Verschiebung
des Kamerastandpunktes reagiert, können nur
jene beurteilen, die den Ausschuß gesehen
haben. Wenn das Uhrwerk des Selbstauslösers
abgelaufen ist, verliert die Zeit jede Bedeutung.
Der Raum wird zum Gefrierfach. Das Produkt ist
weder wiederholbar noch zu kopieren. Die Begriffe
für den Zustand, der solche Bilder
hinterläßt, sind verschlissen durch
häufigen Gebrauch. Wir kennen die
Beschädigung der Dünnhäutigen, den
Masochismus der Verletzlichen, die
eingeschnürten Gefühle der Vereinsamten,
und immer wieder verschmähter Liebe Pein. Die
Befindlichkeiten bringen keine Dramaturgie zustande
und haben auf die Tiefenschärfe ihrer Abbilder
wenig Einfluß. Die ungeschützten
Ängste, die Verwirrungen und
Verdrängungen unerfüllter,
unerfüllbarer Wünsche produzieren
pausenlos neue Synonyme.
Die Metaphern der Gesprächstherapeuten
gehen so glatt von den Lippen, daß sie es
verdienen, im Dreivierteltakt gesungen zu werden.
Die Flucht aus dem Anpassungsdruck findet im
Vokabular der Gruppentherapie befriedigende
Antworten. Mangelnde Sozialkontakte verlieren,
einmal auf den Begriff gebracht, unvermittelt ihren
Schrecken. Wir verstellen unseren Kunden mit einem
Wald von Begriffen den Blick. Videokunst,
Frauenkunst, Selbstdarstellung, Fotoperformance
usw.: dem Konsumenten gefällt das, er wird
ohne Anstrengung zum Insider, wenn er bereit ist,
die jeweils neuen Wortschöpfungen ins
Gedächtnis zu kleben. Wir kaufen ja auch kein
Auto, sondern einen 11er, einen Quattro, einen GTI,
worum soll die Kunst der Trägheit nicht
entgegenkommen, wenn alle anderen Sparten die
Anstrengungsvermeidung verkaufsfördernd
einsetzen? Die Ablichtungen unserer besseren
Fotografen sind immer nur die Vorderseite komplexer
Erfahrungen. Rezensenten laufen Gefahr, in die
aufgestellten Fallen zu stolpern oder
wortgewaltigen Schwachsinn zu produzieren. Ich
werde mich bemühen, die Sprache
trockenzulegen. Zurück zu den hier
publizierten Fotos.
Falkenhagen stellt den Zuschauer vor die
Tür. Ein leichtes Weitwinkel schafft Distanz.
Man ist entweder im Geschehen oder draussen. Dem
Voyeurismus wird kein Eintritt abverlangt und damit
jede Legitimation verweigert. Die Kälte des
Szenarios läßt nicht zu, den Darsteller
des Exhibitionismus zu verdächtigen. Die
Bilder sind Einakter, nicht Abbilder eines
Spektakels. Nichts ist unspektakulärer als
dieser unzugängliche Raum. Der Schauplatz
gleicht einer Probebühne, die den Rundhorizont
nie wechselt. Umfeld, Requisit und Person bleiben
beziehungslos. Alles ist gleichgewichtig und
ausponderiert. Der zugewiesene Platz zeigt nichts
anderes, als daß die Objekte da sind, weil
sie weder dort noch irgendwo hingehören. Der
Darsteller wird zum Präparat. Ein paar
Versatzstücke werden von Zeit zu Zeit
ausgetauscht.
Falkenhagen stellt weder etwas dar noch etwas
vor, er posiert. Die Selbststilisierung ist so weit
getrieben, daß die Person nicht mehr
durchscheint. Sie ist entweder niemand oder jeder.
Dem Autor bleibt nur eine Handlung, den Motor des
Selbstauslösers einzuschalten und abzuwarten.
Er wird wie Cindy Sherman feststellen: »An die
eigene Kunst zu glauben, wird schwieriger und
schwieriger, wenn das Wohlwollen des Publikums
zunimmt.« Es wird ihm nicht erspart bleiben.
Harry Kramer, Kassel, März 1983
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