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Spiegel und Abstraktion
Es ist ein Maler gewesen, der die Fotografie
erfunden hat. Die »Gazette de France«,
eine Pariser Zeitung, berichtet am 6. Januar 1839 -
vor genau 150 Jahren von der Erfindung des
seinerzeit berühmten Malers Daguerre: eine
dauerhafte Wiedergabe von Wirklichkeit, »die
man wie ein Gemälde oder einen Kupferstich
nach Hause tragen kann«. Unabhängig von
allen anderen Folgeerscheinungen, die die Nutzung
und Entwicklung der Fotografie begleiteten, war
innerhalb des künstlerischen Diskurses, soweit
er Malerei oder Plastik betraf, ein
selbständiges Medium aufgetreten, das im
Fortgang der Entstehung neuer Ausdrucksformen seine
eigene Ästhetik entwickelte. Unter der
Voraussetzung, daß wir täglich von
Bildern der Gegenwart umstellt sind und
»bebrüllt« werden, kommt der
künstlerischen, -sozusagen
»künstlichen« Fotografie eine
außerordentliche Bedeutung zu. Auch insofern,
als sie unmittelbar in die Grundlage der
Wahrnehmung, das Sehen, eingreift.
Im Unterschied zu zeitgenössischen
Fotoformen, die neben dem Dokumentarischen (hier
übrigens dem expressionistischen Gestus der
Malerei näher als man auf den ersten Blick
glauben möchte) auf das Historische, das
Monument oder auf die Reproduzierbarkeit des
Austauschbaren zielen, radikalisiert Harald
Falkenhagen in seiner Arbeit die extreme
Langsamkeit des Blicks, unter dem das
ästhetische Arrangement seiner Fotos entsteht.
Er treibt das Bild vom Bild, das ja genaugenommen
aus der Bewegung kommt, in den Stillstand und
unterläuft so die gesuchte Tendenz zur
Anekdote. Die Bilder werden im Kopf hergestellt,
durch das »Auge« der Kamera gesehen;
daher haftet ihrer künstlichen Analogie zur
Wirklichkeit das Paradox des Spiegels und der
Abstraktion an. Diese irritierende Position
vermeidet medienhistorische, soziologische oder
technische Fragestellungen. Vielmehr wird die
ästhetische Besonderheit der Fotografie in den
Rang eines absoluten,
zeitgenössisch-künstlerischen
Phänomens gehoben, das in der Lage ist, den
Diskurs innerhalb der Kunst, und um die geht es ja
- in eine entscheidende, andere Phase zu
führen. An dieser Stelle ein kleiner Exkurs:
der italienische Maler Giorgio Morandi hat
über Jahrzehnte hinweg seine Stilleben mit den
Vasen- oder Flaschenarrangements gemalt. Das
Ergebnis dieser Beharrlichkeit war eine Malerei,
die schließlich die Kontur des Gegenstandes
und das Bild von etwas im Gemalten auflöste.
Verwandte Positionen finden sich im malerischen
Werk Ad Reinhardts oder Mondrians. Unter diesem
Gesichtspunkt müssen die Fotos von Harald
Falkenhagen gesehen werden. Seine Reflexion
innerhalb des Visuellen führt zur
Auflösung des Modells, der Staffage oder des
»Stillebens«. Betrachtet man die drei
abgebildeten Großfotos so lassen sich
folgende Feststellungen treffen: eine zyklische
Kompositionsweise wird erkennbar. Eine
männliche Figur (Figurine) in einer stark
stilisierten, innegehaltenen Geste ist leicht aus
der senkrechten Bildmitte »gestellt«. Ein
stets gleicher Vorhang schließt das Bild nach
hinten ab und seine Unterkante liegt immerhin so
tief, daß sich die entstehende waagrechte
Linie unten mit dem tiefliegenden Horizont
innerhalb des klassischen Landschaftsbildes
vergleichen ließe, der dort Weite und
Höhe erzeugt. Hier aber wird das genaue
Gegenteil (die Umkehrung) erreicht.
»Arme« Requisiten fungieren in dieser
Bildinszenierung als Darstellungsmittel. Ein
Holzgestell, eine schwarze, rechteckige Form an der
Wand und eine hochgehaltene Säule sowie ihr
Schatten erzeugen - konzeptionell gesteigert - das
räumliche Verhältnis aus Schatten und
Figur sowie aus Volumen und Fläche. Mit diesen
»realistischen« Motiven wird der
Übergang in eine abstrakte Bildlösung
betrieben. Die Universalisierung des geschrumpften
Interieurs schafft eine beabsichtigte Leere und
Distanz zwischen Vorstellungen wie Individuum oder
individuell; neutrale Haltung schafft
Vergleichbarkeit von Bildstrukturen.
»Ehrlichkeit ist ja immer wichtig«, sagte
Harald Falkenhagen während der Vorbereitung
für diese Ausstellung. Was gezeigt werden
soll, ist sichtbar. Sichtbar ist auch die komplexe
fotografische Wahrnehmung dieser, im Alleingang
hergestellten, großen Fotos. Dazu gehört
auch, daß, als ein Teil der
künstlerischen Substanz dieser Arbeit, die
Intention des Bildes auf die Wahrnehmungs- sprich
Rezeptionsweise selbst zielt. Dies war bisher stets
ein grundsätzliches Kennzeichen für
ernsthafte Kunst, auch wenn sie sich noch so locker
oder arm oder witzig gibt. Die Beispiele dafür
reichen von Arp über Schwitters bis zu Duchamp
oder Paul Klee.
Die hier auf Seite 3 wiedergegebenen zwei
kleinen Zeichnungen gehören in diese
Überlegungsreihe. Neben ihrer Ironie und ihrem
Witz deuten sie mit einfachsten Mitteln auf das
Kernstück aller Theorie und aller, so
verschiedenen Aussagen über die
künstlerische Realität der Abbildung und
deren Verhältnis zur Sprachlichkeit. Denn
leider sieht man sich immer wieder genötigt,
über Ausdrucksformen der Kunst Sätze
machen zu müssen. Genausowenig kann man das
Klavierspiel eines Glenn Gould nacherzählen
oder begründen. Genausowenig kann man
über die Farbe Schwarz sprechen.
Wenn es neben den Bildern eine Möglichkeit
gibt, ihr Arrangement auch als Zeichen ihrer
Auflösung zu betrachten, so liegt sie in
diesen Zeichnungen. Die links unten auf Seite 2
abgebildete Skizze ist überdies ein Beleg
für die genaue Planung innerhalb der
fotografischen Arbeit. Zum Beschluß einige
Bemerkungen von Harry Kramer (Kassel, 1983), die
geeignet sind, die nötige Ausgrenzungsarbeit
zu leisten:»Wenn alle Welt fotografiert, ist
das Ergebnis in der Regel Allerweltsfotografie. Die
Sofortbildkamera hat dem toleranten Ehepaar
zunächst die Peinlichkeit des Industrielabors
erspart, später, als vollautomatischer
Filmvernichter, für Umsatz gesorgt und sehr
viel später dem Exhibitionismus der
Künstler das Gerät gestellt. Die
Ergebnisse der angestrengten Bemühungen sind
fast immer bemerkens- aber selten sehenswert. Es
bleibt zu wünschen, daß die Automatik
auch den Sucher abschafft. Millionen gucken
täglich durch teure Linsensysteme und finden
Austauschbares, das billiger zu kaufen
wäre.«
Abwandelnd möchte ich ergänzend
hinzufügen: solche Zuschauer und
Zurschausteller stellt Harald Falkenhagen vor die
Tür. Es geht um Kunst. Um die Kunst, sie zu
finden und mit ihren Mitteln zu arbeiten.
Rainer René Müller 1989
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